»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment.
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

Nächster Abschnitt

Die Kinder des Lir

BILDQUELLE: ROBERT WOEGER, UNSPLASH

 

Weise ist ein Volk, das seine Märchen bewahrt und weiter erzählt. Denn sie enthalten Wahrheiten des Lebens, die zeitlos sind, die überall gelten, wo Menschen leben. Sie können unsere Herzen erreichen, uns berühren und dazu bewegen, neue Schritte zu wagen. Und sie stärken die Identität und das Bewusstsein.

Weise ist das irische Volk. Es bewahrt und erzählt Märchen wie das der Kinder von Lir.

Lir lebte im Osten Irlands. Halb Gott, halb Mensch, litt er schwer unter dem Tod seiner geliebten Frau. Als er es nicht mehr aushielt, brach er auf und reiste über die Insel. Ganz im Nordwesten kam er zu König Bogha Derg. Der war einst sein Rivale gewesen, hatte aber nun großes Mitleid mit dem trauernden Lir und bot ihm an, eine seiner drei Ziehtöchter zur Frau zu nehmen. Lir stimmte zu und er wählte Aoibh, die Älteste. Er nahm sie mit nach Hause, und nach einer Weile gebar sie Zwillinge, die Tochter Fionnuala und den Sohn Aodh. Es dauerte nicht lange, als sie wieder schwanger wurde. Als jedoch die beiden Knaben Fiachra und Conn zur Welt kamen, starb ihre Mutter bei der Geburt.

Lir konnte den Schmerz kaum ertragen, und nur die Liebe zu seinen vier Kindern hielt ihn am Leben. Als Bogha Derg davon erfuhr, war sein größtes Bestreben, Lir‘s tiefe Traurigkeit zu lindern. Und er schickte seine mittlere Ziehtochter Aoife zu ihm. Nun hätte das Leben gut werden können. Die Kinder wuchsen heran, schön und liebreizend. Jeder freute sich, wenn er sie sah, denn es war eine Wonne, wie sie sich entfalteten. Vor allem waren sie das Glück ihres Vaters Lir. Fionnuala, seine einzige Tochter, wuchs ihm besonders ans Herz. Doch ins Herz seiner Frau Aoife schnitt der Stachel der Eifersucht und wer ihn nicht herauszieht, wird krank. So erging es Aoife. Sie pflegte den Neid, wurde krank und irgendwann zog sie sich ganz zurück in ihre Kammer, aus der sie ein volles Jahr nicht mehr herauskam. Niemand konnte ihr helfen.

Eines Tages tauchte ein Druide auf, einer von der bösen Art. Schnell hatte er den Grund ihres Leidens herausgefunden und wusste auch Rat. Sie solle mit den Kindern ihren Vater im Westen besuchen und die Vier unterwegs in einem unbeobachteten Augenblick töten. Sie würde schnell die Heilkraft merken: Wenn die Kinder nicht mehr da wären, würde Lir sich wieder ganz ihr zuwenden und sie wäre gesund.

In der darauffolgenden Nacht träumte Fionnuala von ihrem fürchterlichen Los, aber was sollte sie als Kind schon ausrichten?

Bald war alles für die Reise vorbereitet, der Wagen gepackt, der Fuhrmann bestellt, der auch die mörderische Tat für Aoife ausführen sollte. Der aber weigerte sich standhaft, nichts konnte ihn dazu bewegen. Also hätte Aoife selbst das Schwert erheben müssen gegen die Kinder, doch das brachte sie nicht fertig. Stattdessen änderte sie ihren Plan. Als sie am Eichensee vorbeikamen, dem Loch Derravaragh, lockte sie zu einer Pause mit einem kühlen Bad. Das Mädchen hatte ein ungutes Gefühl und warnte seine Brüder, aber die tummelten sich bald im Wasser. Aoife ergriff den Zauberstab, den der Druide ihr überlassen hatte, berührte die Kinder mit seiner Spitze und sogleich waren sie in Schwäne verwandelt. Fionnuala bettelte noch, dass der Zauber nicht ewig währen sollte. Da überkam die Stiefmutter Reue. Sie konnte aber das Geschehene nicht mehr rückgängig machen. Sie erhielt den Kindern die Fähigkeit zu sprechen und sprach eine Bedingung aus, unter der sie ihre Menschengestalt wiedererlangen sollten: ein Königssohn des Nordens müsse eine Königstochter des Südens finden. Bis dahin aber würden sie 300 Jahre auf diesem Eichensee leben, weitere 300 Jahre ganz im Norden und noch einmal 300 Jahre im Westen.  

Als Aoife ohne die Kinder bei ihrem Ziehvater Bogha Derg ankam, log sie ihm vor, sie seien krank. Doch er glaubte ihr nicht, ließ sie in einen tiefen Schlaf fallen und dann –ohne ihr Wissen - im Beisein des ganzen Hofstaats erzählen, was geschehen war. Daraufhin verwandelte der erzürnte König Aoife in einen grauen Adler, der für alle Zeit durch die Lüfte segeln müsse. Dann befahl er, dass in ganz Irland nie wieder ein Schwan getötet werden dürfe. Denn von nun an sah er in jedem dieser Tiere eines seiner geliebten Enkelkinder.

Ein Bote musste Lir die traurige Botschaft überbringen. Tief erschüttert ritt er zum Eichensee, sah die Schwäne und hörte die Stimmen seiner Kinder. Sie erzählten ihm alles, auch dass sie nun 900 Jahre in dieser Gestalt leben müssten. Lir sprach: »Wie gern würde ich euch helfen, aber ich vermag es nicht und werde euch nie wieder in meine Arme schließen. Doch eines kann ich tun. Ich verleihe euch die Gabe, so herrlich zu singen, dass jeder, der euren Gesang hört, verzückt stehen bleiben und lauschen wird.«

Schon in der nächsten Nacht hörte Lir vom See her den herzerweichenden Gesang der Schwäne.

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, 21. Mai 2026