Wirst du deine Gewänder wechseln?
In der Erzählung der Fußwaschung im Johannesevangelium offenbart Johannes ein seltsames kleines Detail: Jesus war vom Mahl aufgestanden, »legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch«. Mit anderen Worten: Er nahm sich die Zeit, seine Kleidung zu wechseln.
Dieses winzige Detail erscheint uns nicht besonders relevant oder interessant, und doch explodiert aus seinem Kern eine ganze Welt der Offenbarung. Könige und Machthaber tragen Gewänder. Lehrer und Prediger tragen Gewänder. Das Gewand ist ein Kleidungsstück der Autorität, des Ranges und des Status. Es ist das Kleidungsstück des Privilegs und des Ehrenplatzes. Diener hingegen tragen Schürzen. Das sind Kleidungsstücke, die den Dienst an anderen kennzeichnen. Es ist ein Kleidungsstück, das von Männern und Frauen getragen wird, die nicht über das Leben herrschen, sondern ständig mit ihm in seiner grundlegendsten und schmucklosesten Form in Kontakt stehen.
Wenn Jesus das Gewand eines Dieners anlegt, offenbart er das grundlegende Muster, das aus einem Herzen entspringt, das andere liebt. Wir müssen mit einer grundlegenden Frage beginnen. Warum ist es überhaupt notwendig, dass Jesus die Rolle des Dieners übernimmt? Die Antwort ist klar. Es gäbe tatsächlich keinen solchen Bedarf, wenn jemand anderes den in diesem Moment erforderlichen Dienst leisten könnte. Es gibt jedoch Dienste, die nur von einer einzigen Person erbracht werden können. Niemand sonst kommt dafür in Frage. Nur einer verfügt über die Fähigkeit, die Kraft und die Gabe, diesen Dienst zu erweisen. Wenn es der Herr ist, der den so dringend benötigten Dienst leisten kann, dann muss er sich eine Frage stellen: Liebe ich diese Menschen genug, um meine Kleider zu wechseln? Denn das Wissen, dass er allein uns die reinigende, heilende, belebende Berührung des Lebens schenken kann, zwingt den Herrn nicht zum Handeln. Wenn er sich nicht um uns gekümmert hätte, hätte er mit den Schultern zucken und weggehen können. Nur weil er uns mit der tiefsten und intensivsten Leidenschaft liebte, wechselte er seine Kleider.
Im Evangelium des Gründonnerstags stellt Jesus die Frage: »Begreift ihr, was ich an euch getan habe?« Es ist eine Frage, die an seine Jünger gerichtet ist, an jene, die im Jerusalem unter Herodes’ Herrschaft mit ihm zu Tisch saßen, und an jene, die in einer Welt, die von den Nachfolgern Herodes’ regiert wird, mit ihm zu Tisch sitzen. Wissen wir, was Christus für uns getan hat, als er sich umzog, um uns die Füße zu waschen? Er offenbart uns das Muster, das sich an drei entscheidenden Stellen unseres Lebens findet, nämlich an den Stellen der 1. Gemeinschaft, 2. rettenden Liebe und 3. des selbstlosen Dienstes. An jeder dieser Stellen müssen wir die Bereitschaft besitzen, unsere Kleider für diejenigen zu wechseln, die wir lieben.
Die Stelle der Gemeinschaft
Das Wechseln der Gewänder ist das grundlegende Muster aller lebensspendenden Gemeinschaften. Vor allem ist es das Muster der Eucharistie. Auch hier wechselt Christus sein Gewand, weil er uns liebt.
Die Menschheit hat einen Hunger und Durst, den nur die Eucharistie stillen kann. Doch wenn uns das Brot der Engel gereicht werden soll und wir aus dem Kelch trinken wollen, der vor Leben überfließt, dann stehen wir vor einem Dilemma, das nur Christus für uns lösen kann. Dies ist Brot, das nur eine Person reichen kann, und das ist Christus. Dies ist ein Kelch, den nur eine Person für uns einschenken kann, und das ist Jesus. Hier stehen wir vor dem Moment, in dem alle den Atem anhalten und sich fragen müssen, ob Christus, der alles, was wir brauchen, in seinen Händen hält, uns für würdig hält, dass er seine Gewänder wechselt.
Seine Antwort ist unsere Freude, ja, unser Leben! Wir essen seinen Leib und trinken sein Blut, und deshalb haben wir das Leben in uns, denn wir haben Christus in uns. Dies ist ein Leib, »der für euch hingegeben wird«. Er wird hingegeben, nicht entrissen. In jeder Eucharistiefeier hören wir, dass dieses Blut »für euch und für alle vergossen« wird. Es ist der Herr, der es frei und freudig ausgießt. Wir pressen es nicht aus dem Herzen Christi heraus.
Mit anderen Worten: Als der Herr erkannte, dass die Gemeinschaft mit ihm ohne seinen Dienst nicht geschaffen werden konnte, schenkte er uns die Eucharistie und sagte uns, dass wir es wert sind, dass er seine Gewänder wechselt. Der Herr, der wie in ein Gewand in Licht gekleidet ist, kleidet sich nun in Brot und Wein. Alles Brot, was auf den Tischen der Menschheit serviert wird, konnte unsere hungrigen Herzen nicht sättigen; darum hüllte er sich in Brot, um den Hunger zu stillen, der in unseren Seelen knurrt. All der Wein, der über sterbliche Lippen geflossen ist, konnte unseren tiefsten Durst nicht stillen; darum kleidete er sich in Wein, um sich in die Tiefen unseres Seins zu ergießen.
Wenn wir sehen, wie Christus in der Eucharistie für uns seine Gewänder wechselt, wissen wir, dass wir diese Gemeinschaft mit ihm auf keine andere Weise haben könnten. So wissen wir, dass wir sehr geliebt worden sind.
Die Stelle der rettenden Liebe
Auch am Kreuz ist ein Wechsel der Gewänder notwendig. Auch hier offenbart sich das Muster, und wir erkennen, dass es zugleich das Muster aller rettenden Liebe ist.
Auf Golgatha gelangen wir zu dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir uns nicht selbst retten können. Die Erlösung liegt jenseits unserer Möglichkeiten. Wir brauchen und ersehnen sie. Wir können ohne sie nicht leben, doch können wir sie nicht erschaffen, verdienen oder erzwingen. Wir wissen nur zu gut, dass wir den Tod leugnen können, ihn aber nicht endgültig besiegen können. Wir können uns teure Gräber leisten, aber wir können den Stein nicht von ihren Eingängen wegrollen. Wenn wir über die Grenzen unserer sterblichen Jahre hinaus leben wollen, dann muss dieses Geschenk aus der Hand eines anderen kommen.
Wieder stehen wir an jenem vertrauten Punkt der Fußwaschung. Dies ist ein Dienst, den nur der Herr und Meister von uns allen leisten kann. Die Frage ist: Wird er es tun? Nur wenn unser Elend das Herz des Herrn rührt, können wir auf ein Schicksal hoffen, das größer ist als der ewige Tod. Wenn er uns nicht liebt, wird er sich nicht die Mühe machen, uns zu retten, selbst wenn er der Einzige ist, der dies tun kann.
So vollzieht Christus den größten Gewandwechsel in der Heilsgeschichte. Er lässt zu, dass ihm sein nahtloses Gewand vom Leib gerissen wird, und tauscht es gegen den Lendenschurz seiner Kreuzigung ein. In der eindringlichsten Demonstration der Liebe, die je bezeugt wurde, zeigte Jesus uns allen, dass er bereit war, für uns zu leiden und zu sterben. Doch das hätte nicht geschehen können, hätte er nicht sein Gewand gewechselt. Derjenige, der in Majestät gekleidet ist, trägt nun die Lumpen des Elends.
So wird uns offenbart, dass es keine rettende Liebe ohne einen Gewandwechsel geben kann. Wenn wir den Lendenschurz des Herrn sehen, wissen wir, dass wir sehr geliebt sind.
Die Stelle des selbstlosen Dienstes
Schließlich offenbart sich der Wechsel der Gewänder an jedem Ort authentischen Dienens. Denn Christus sagt zu uns: »Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.« Mit anderen Worten: Das Muster der Fußwaschung ist das Muster allen Dienens und somit das Muster des gesamten christlichen Lebens.
Es gibt viele Momente, in denen wir aufgefordert werden, unsere Gewänder zu wechseln, doch wir werden dies nur tun, wenn unsere Liebe zu anderen größer ist als unsere Liebe zu allem, was uns schmückt. Es gibt Dienste, die nur wir leisten können, doch das bedeutet nicht, dass wir sie bereitwillig und mit frohem Herzen anbieten werden. Wenn wir einen Menschen sehen, der das braucht, was wir haben, und unsere Herzen eisig in ihrer kalten Gleichgültigkeit sind, dann werden wir weggehen, vorbeigehen oder weitergehen.
Es ist keine leichte Aufgabe, unsere Gewänder zu wechseln. Es ist die Frage des Evangeliums, die uns an jeder Weggabelung gestellt wird, an der wir zwar das Nötige besitzen, aber gefragt werden, ob wir bereit sind, das, was wir haben, einem anderen zu geben. Es ist die schmerzhafte Prüfung, herauszufinden, ob wir Selbstgenügsamkeit gegen liebevollen Dienst eintauschen werden. Oft ist es erschreckend schwer, unsere Gewänder mit Christus zu wechseln. Das Großartige lockt, doch dem Alltäglichen muss gedient werden. Die Aufregung lockt uns, doch der Alltag verlangt unsere Anwesenheit. Wir möchten eine Generation unterrichten, deren Blick voller Staunen ist, doch stattdessen werden wir zu denen gesandt, deren Augen stumpf und blutunterlaufen sind. Wir wollen ihnen manchmal den Kopf waschen, werden jedoch gebeten, ihnen die Füße zu waschen.
Wenn wir gebeten werden, unsere Gewänder zu wechseln, wird uns die wahrhaftigste Frage der Liebe gestellt. Nicht: Kannst du dorthin gehen, wo du willst, sondern: Kannst du dorthin gehen, wo du gebraucht wirst? Wenn wir das können, dann werden viele wissen, dass sie von ganzem Herzen geliebt werden.
Erik Riechers SAC
Vallendar, 2. April 2026